Realschul-Gründung als Abenteuer

1965: Baubeginn im Weizenfeld

Über 40 Jahre Realschule - das wirft so manche Frage auf: Wie kam es zur Gründung, und unter welchen Umständen vollzog sie sich? Wie ging’s dann weiter? Was hat die Schule, was haben die Menschen in ihr seither erlebt und geleistet? - Mit diesem Artikel wollen wir eine Antwort geben.

Anfang der sechziger Jahre war im Kreis Kempen-Krefeld mit seinen 205.000 Einwohnern eine Art Bildungsnotstand für Realschüler ausgebrochen; das Bedürfnis nach weiterführender Schulbildung mit Zugang zu Fachschulen und "gehobenen Berufen" war gewachsen, aber Realschulen gab’s nur in Süchteln (seit 1939) und Kaldenkirchen (seit 1947), und beide konnten nicht einmal die Hälfte der Kinder aufnehmen, die sich nach bestandener Aufnahmeprüfung (die war damals noch für die Realschule vorgeschrieben!) bei ihnen bewarben.
Die Zahl der Bewerber war so groß, weil die meisten aus Nachbargemeinden kamen. Größere Klassen einrichten? Das war unmöglich, die Klassenfrequenz für Realschulen lag damals bei 40 Schülern. Auf 1000 Einwohner kamen 1960 im Kreis Kempen-Krefeld ganze 1,9 Realschüler, und das lag weit unter dem Landesdurchschnitt von 7,1 Realschülern auf 1000. Kurz: Der Kreis brauchte dringend weitere Realschulen - vorzugsweise im nördlichen Teil.

Grünes Licht für Bau und Betrieb

Am 29. Januar 1963 beschloss der Kreistag die Errichtung von Kreisrealschulen in Kempen und Osterath (bereits 1961 hatte er den Beschluss gefasst, das gesamte Realschulwesen von den Gemeinden auf den Kreis zu übertragen). Osterath wurde zunächst zurückgestellt, das Projekt Kempen aber nahm rasch Gestalt an: Bei einem Wettbewerb für das neue Schulgebäude reichten elf Architekten Entwürfe ein, den Auftrag erhielt Leo Frenken aus Kaldenkirchen.
Die Jury, die die Preis in diesem Wettbewerb der Bauideen zu vergeben hatte, fand sich am 15. November 1963 bei strömendem Regen auf dem künftigen Schulgelände ein: Das Baugrundstück entpuppte sich als Weizenfeld an der Wachtendonker Straße hinter der Tankstelle Wabersek, gegenüber der neuen städtischen Turnhalle. Hier also sollte eine zweizügige Realschule mit zwölf Grundklassen entstehen.
Doch man dachte weiter: Als Teil des kürzlich eingerichteten Abendgymnasiums war ein dreiklassiger Aufbauzug geplant, der begabte Realschüler bis zum Abitur führen sollte. Darüber hinaus sollte das Abendgymnasium zwei Klassenräume für diejenigen seiner Schüler erhalten, die im letzten Schuljahr ganztägig unterrichtet werden sollten. Diese fünf Klassen sollten ihren Platz in einem eigenen Gebäude finden.

Noch ein wichtiges Datum: Der 28. November 1963, an dem der Kreistag bei seiner Haushaltsberatung ’64 endgültig grünes Licht für die Aufnahme des Schulbetriebs im Schuljahr 1964/65 gab. Zwei Tage später gab die Kreisverwaltung per Zeitungsanzeige bekannt, dass nunmehr Anmeldungen für die neue Schule erfolgen könnten... Was für ehrgeizige Pläne der Kreis-Schulausschuss mit seinen Kempener Realschülern hatte, meldete die Rheinische Post in derselben Ausgabe: "Erste Fremdsprache ist Englisch, Französisch wahlfrei ab Klasse drei. Über die ordentlichen Unterrichtfächer hinaus wird unterrichtet in Maschinenschreiben, Kurzschrift, Werken, Nadelarbeit, Hauswirtschaft und in verschiedenen Arbeitsgemeinschaften."

Schulleiter ohne Schule

Gemach - erst mal musste die neue Schule einen Leiter haben. Den wählte Kempens Schulausschuss im Februar 1964 aus 13 Bewerbern aus: Herbert Hubatsch, der damals nach sechsjährigem Luftwaffen-Kriegsdienst, Studien in Kettwig und Düsseldorf und nach Volksschullehrerdienst in Dülken seit 1953 Biologie und Deutsch am Irmgardis-Stift in Süchteln unterrichtete.

Die erste Sorge des Rektors ohne Schule war, einen Platz zum Unterrichten zu finden. "Was für seltsame Unterkünfte mir nicht alles angeboten worden sind!" wird Hubatsch sich später erinnern: "Wir sollten in die alte Landwirtschaftsschule neben dem Gesundheitsamt einziehen (von Loe-Straße), in das alte Lehrerwohnhaus des Thomaeum, in das Clubheim des Tennisclubs Casino am Hessenring und in die danebengelegene Mädchenvolksschule. Aber das ging natürlich alles nicht, und so habe ich an meiner alten Schule in Süchteln drei Räume beschaffen. Jeden morgen um acht fuhren 80 Realschüler mit zwei Bussen vom Kempener Bahnhof ab nach Süchteln und kamen um eins zurück."


Schulbus nach Süchteln

Zehn Fächer, zwei Lehrer

Tatsächlich: Am 1. April 1964 hat die "Kreisrealschule Kempen" ihren Betrieb begonnen; planmäßig, aber unter abenteuerlichen Umständen. 62 Jungen und 18 Mädchen werden in zwei Anfangsklassen unterrichtet, pendeln sechs Wochen lang nach Süchteln, bis sie eine in Bauzeit von vier Wochen errichtete Holzbaracke beziehen können. Indes - wer unterrichtet die vorgeschriebenen Fächer? 1964 herrscht noch ausgesprochener Lehrermangel. "Ich war ein Direktor ohne Kollegium", berichtet Herbert Hubatsch, "bis auf einmal das Telefon klingelte und eine ganz dünne, piepsige Stimme ertönte: ’Guten Tag, Pinkelnelle ist mein Name. Ich habe gerade meine Prüfung gemacht und kann an Ihrer Schule anfangen.’ - Vor Freude wär’ ich fast aus den Latschen gekippt. Die junge Kollegin und ich haben dann in allen Fächern unterrichtet. Frau Pinkernelle hatte Erdkunde und Sport studiert, gab aber noch Geschichte und Deutsch. Der Direktor unterrichtete neben seinen alten Fächern Biologie und Deutsch noch in Mathematik, Religion, Schwimmen, Musik. Für kurze Zeit wurden Englischlehrer aus Süchteln und Geldern abgeordnet. - Und von 80 Schülern dieses Jahrgangs hat mehr als ein Drittel das Abitur gemacht!"


1964: Der Kreistag hat die Schulbaracke besichtigt

Die "Familie" wächst

Da wundert’s keinen, dass das Gründerjahr 1964 von einer geradezu familiären Atmosphäre gekennzeichnet war. In der Holzbaracke drückte die Sekretärin, Frau Baumgard, zum Pausenende auf die Glocke; der Schulleiter drückte seine Zigarette aus und begab sich mit der Kollegin auf den Hof, um Realschüler von Volksschülern zu sortieren und sie in einen der beiden Klassenräume zu führen. Wie gut, dass Rektor Hitpaß insgesamt vier Räume an seiner katholischen Knabenvolksschule zur Verfügung stellte.

Zur Anfüllung des Lehrkörpers erschienen bald einige Damen, die bis dahin als Volksschullehrerin gearbeitet hatten, gleichwohl die Lehramtsbefähigung für die Realschule besaßen: Von der evangelischen Volksschule Kempen die Konrektorin Marie Warkentin, von der kath. Mädchenvolksschule St. Tönis die Rektorin Caecilie Thoer und die Lehrerin Maria-Theresia Droege. Für den Englischunterricht konnte Dr. Cameron gewonnen werden - ein englischer Militärschullehrer, der vordem in Syrien unterrichtet hatte.
Im nächsten Schuljahr, dem Kurzschuljahr 1966, traten dem Kollegium Karin Pöppelmeier (Englisch, Geschichte) und Rudolf Plönißen (Mathematik, Deutsch) bei, der vordem an der Volksschule Kalkar gelehrt hatte; dazu kamen Uwe Rast als Werklehrer, Ida Ewald (Englisch, Französisch) und Klaus Nieten (Mathematik, Erdkunde), womit für die nunmehr acht Klassen mit 295 Schülern (Stand: 1.12.1966) neun volle Lehrkräfte zur Verfügung standen. Kurz: Das "Urgestein" der Realschule war gelegt - und alles blickte hoffnungsvoll auf den Schulbauplatz, wo sich allmählich die ersten Gebäudekonturen zeigten.


1966: Ein wackliger Bauzaun begrenzt den Pausenhof.


Vorsichtig betritt man den fertigen Schulhof.

Schlammkuhle und Bauboom

Der Bau der Realschule zog sich in die Länge. Eine Grundsteinlegung hatte es nie gegeben - in aller Stille war im völlig verregneten Juli ’65 mit den Arbeiten begonnen worden, so still, dass es heute schwer fällt, das genaue Datum zu ermitteln. Nebenan war man weiter: da konnte am 23. Juli das Richtfest am neuen Mädchengymnasium gefeiert werden. Das Schneckentempo beim Realschulbau hatte seinen Grund im Bau-Boom der frühen Sechziger: Material und Arbeiter waren knapp, zeitweise zeigte sich nur ein einsamer Handlanger auf der Baustelle. Dazu kam die Finanzierung aus der Kreiskasse: Die Baukosten beliefen sich insgesamt auf 4.600.000 DM (heute 2.352.000 €), wovon der damalige Kreis Kempen-Krefeld 60 Prozent aufbrachte.


Der Kran, der zum Sturz eines Arbeiters führte.


Treppenhäuser im Bau: leere Fensterhöhlen

So blieb das Realschulgelände jahrelang eine Bauwüste. Hinter dem Bungalow der Hausmeisterfamilie dehnte sich eine riesige Pfütze, die man auf Brettern überqueren musste, und lustig tauften die Niggemann-Kinder ihren ersten Hund: "Arco von der Schlammkuhle". Am 8. September 1966 war es dann endlich so weit: Aus der Behelfsbaracke auf dem Hof der Knabenvolksschule wechselten die Realschüler, brav in Zweier-Reihen marschierend, in das Gebäude des späteren Abendgymnasiums; es war als erstes fertig geworden. Zwei Klassen blieben im Holzbau. Aber auch die neue Unterkunft wirkte provisorisch, denn sie war nur über eine Erdaufschüttung zu erreichen, und wackelige Bauzäune begrenzten noch lange den Pausenplatz der Realschüler.

Auch scheint man damals am falschen Ende gespart zu haben; nach der Übernahme der Schule durch die Stadt 1977 musste 1980 eine halbe Million in überfällige Reparaturen gesteckt werden - vor allem für neue Fenster - und im Jahr darauf noch einmal 400.000 DM in Turnhalle und Abendgymnasiumsgebäude.


Eine Mondlandschaft: So sah’s mal an der Aula aus.

Welt an der Treppe

Noch mussten Aula und Realschule fertiggestellt werden, Unterrichts- und Fachtrakt waren noch nicht verputzt. Aber dann kam endlich der große Tag: Am 7. September 1967 wurde das neue Schulgebäude von den nunmehr elf Klassen bezogen - freilich nur teilweise, im nördlichen Treppenhaus wurde noch gearbeitet. Indes war die Freude der Eltern so groß, dass sie im Oktober, als die Schulpflegschaft zum erstenmal in den neuen Räumen tagte, eine runde Sache spendierten: Die Weltkugel im Treppenhaus für 4.000 Mark. Schlüsselfertig war der ganze Bau erst am 18. Juni 1968, die Inneneinrichtung war 1969 komplett; am 18. Juni 1968 waren Aula und Turnhalle eingeweiht worden.

Lehrer und andere Leute

Schnell noch von den Gemäuern zu dem, was die Schule mit Leben erfüllt - zunächst ein rascher Blick auf das Kollegium, dass sich in diesen Jahren komplettierte. Da erschienen im Schuljahr 67/68 Sibille Steger (Erdkunde, Französisch) und Hermann Schneider (Französisch, Englisch); am 14.4.1968 kamen Heinz-Otto Hormann (Deutsch, Geschichte), Roswitha Engels (Zeichnen, Werken) und Kal-Heinz Jungverdorben (Mathematik, Physik); vier Monate später Anneliese Meyer (Mathematik, Biologie) und Angelika Jungbluth (Französisch, Hauswirtschaft). Am 3.2.1969 nahm die Deutsch- und Englischlehrerin Gundula Nette ihren Dienst auf, und da die Schule nun von unten bis oben zweizügig war, bekam sie am 4.12.1969 einen Direktor-Stellvertreter: Kurt Buchtler von der Albert-Schweizer-Schule in Krefeld, der nicht nur Mathematik, katholische Religion und Musik unterrichtete, sondern auch durch behutsames Wirken und Einwirken die Harmonie im Kollegium stützte. Als er die Pestalozzistraße am 1.2.1972 verließ, wurde Rolf Plönißen sein Nachfolger. - Am 25.8.1969 schließlich - und damit dürfen wir die Zugänge jener frühen Jahre beenden - kam der Chemielehrer Günther Horst an die Schule, der so manchen seiner Zöglinge zur Teilnahme am Wettbewerb "Jugend forscht" anleitete, und zu Beginn des Schuljahres 1970 wurde Wolfgang Misera eingestellt (Deutsch, Geschichte), der vordem hier Referendar gewesen war; zur Schuljahresmitte seine Frau Gisa mit den Fächern Deutsch und Sport.
Aber ... was wäre die Realschule ohne ihre SV, die sich im März 1968 bildete, was wäre sie ohne ihren Lehrerrat, der erstmals 1971/72 zusammentrat? Und wie käme sie ohne den "Verein der Freunde und Förderer" zurecht, der am 17.12.1969 seine Gründungsversammlung in der Aula abhielt?
Schließlich wäre da noch ... aber hier muss Schluss sein; was mittlerweile aus der Schule geworden ist, sollen die anderen Seiten unserer Homepage beleuchten.

Kollegen um den Globus
1971 präsentiert sich das Kollegium um den Globus, den die Eltern vier Jahre zuvor der Schule geschenkt haben. Wir erblicken (untere Reihe von links) die Damen und Herren Schneider, Hubatsch, Hormann, Horst, Pinkernelle, Wolfgang MIsera und den Lehramtsanwärter Lissen; darüber von links Frau Hahn-Nette, Frau Thoer, Frau Meyer, Frau Misera, Herrn Falkner und Frau Steger. Eins höher sehen wir Frau Braun, Frau Droege (Man beachte die modische Hochfrisur!), Herrn Plönißen und Frau Warketin. Ganz obenauf: der Stellvertretende Direktor Buchtler, Herr Trecker und Herr Nieten.

Text: Dr. Hans Kaiser (Journal Real 08.09.1990)
Überarbeitung für die Homepage: Heiner Sandvoß

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